Die ersten Pauschalreisen nach dem
Krieg führten in den oberbayerischen Chiemgau
Der erste Urlaub in den 30-er Jahren
Raus! Sie wollten einfach nur raus. Raus aus den zerstörten Städten,
für ein paar Tage raus aus der Tristesse der Nachkriegszeit. Sie waren
jung, sie waren lebensdurstig, aber sie hatten kaum Geld. Es muss ihnen
wie das Paradies erschienen sein: ein weit gestreutes Dorf mit intakten
Bauernhäusern, beschützt von bewaldeten Bergen, blühende Wiesen vor
imponierender Gebirgskulisse, zur Begrüßung eine Blaskapelle und abends
Musik und Tanz im Kurhaus. Acht Tage Vollpension (Frühstück mit
Bohnenkaffee), Schuhputzen (1Paar), Licht und Unterhaltungsabende
inklusive, Anreise im Sonderzug ab Bochum für 126, ab Hamburg für 132
Mark. Ihr Paradies trug den Namen Ruhpolding.
Was machte es da schon aus, dass man sich die Zimmer mit wildfremden
Menschen teilen musste, nicht im Hotel, sondern in den Privatbetten der
Vermieter schlief und die Bettwäsche mitzubringen hatte. Man war
bescheiden beim ersten Urlaub nach dem Krieg.
Volkstümliche Preise
Der Mann, der Tausenden schon im Jahr nach der Währungsreform den lang
ersehnten Traum von Ferien in einer heilen Welt erfüllte, hieß Dr. Carl
Degener. Dass Ruhpolding zu einem Markstein in der Geschichte des
Pauschaltourismus werden sollte, verdankt es ihm. Schon in den zwanziger
Jahren, damals noch Direktor des Bremer Arbeitsamts, war Degener von der
Idee besessen, Urlaubsreisen auch einkommensschwächeren Schichten
zugänglich zu machen. Er tüftelte an dem Plan, große Gruppen zu
"volkstümlichen Preisen" zu verschicken.
Bald karrte er die Deutschen sonderzugweise in den kleinen Ort Golling
im Salzburger Land. Mit der 1000-Mark-Sperre - jeder musste diese Summe
bezahlen, bevor er nach Österreich fahren durfte - verdarb ihm Hitler das
Geschäft. Für Pfingsten 1933 hatte Degener 500 potenzielle Gäste, aber
kein Ziel. Innerhalb von Tagen disponierte er um. Ruhpolding, schön
gelegen, mit Bahnanschluss und mit ersten Erfahrungen im Zimmervermieten,
sprang Hals über Kopf ein. Degener hatte den Tipp von einem Bahnhofswirt
bekommen, er selbst war nie dagewesen. So rollten die Sonderzüge aus
Berlin und Leipzig nun in den oberbayerischen Chiemgau.
Es klappte recht und schlecht. Das größte Problem war, die
touristischen Heerscharen in dem "entzückenden Luftkurort" zu verpflegen.
Schon ein Jahr später stand, noch eher barackenähnlich, das Kurhaus: Der
Grundstein für die weiteren Erfolge war gelegt. Die Übernachtungszahlen
stiegen unaufhaltsam, über 200 000 waren es schon 1936, weit mehr als die
Hälfte dank Degener. Längst hatten auch die Nationalsozialisten dessen
Urlaubsprinzip aufgegriffen. Sie verschickten die Deutschen, allerdings
noch viel günstiger, mit ihrer Organisation Kraft durch Freude. Dr.
Degener aber blieb der zweitgrößte Reiseveranstalter. Mit ihm fuhr, wer
nicht mit KdF reisen konnte. Ruhpolding behielt er fest im Griff.
Dann kamen andere: Ausgebombte und Evakuierte, verwundete Soldaten auf
Sonderurlaub. 1945 waren 1700 Flüchtlinge in Ruhpolding untergebracht und
Degener hatte Arbeitsverbot. Der elegante Herr, immer mit Hut und
Glacéhandschuhen, transportierte keine Touristen mehr, sondern Holz auf
einem Eselskarren.
Das Dr. Degener Reisebüro
In Berlin ausgebombt, hatte sich Degener schon zur Kriegszeit in seiner
Goldgrube Ruhpolding niedergelassen. Als er seine Lizenz wiederhatte,
eröffnete er sofort ein Reisebüro. Nun musste er nur noch die Ruhpoldinger
dazu bringen, an das Boomgeschäft der Vorkriegsjahre anzuknüpfen. Die
Betten aber waren vergeben, und die Flüchtlinge protestierten gegen die
Tourismuspläne. Die Einheimischen jedoch erinnerten sich gerne an die
guten, gewinnbringenden Zeiten. Degener predigte "Selbsteinschränkung" und
konnte bald seine Mitbürger überzeugen, eng zusammenzurücken und die
eigenen Zimmer frei zu machen für Feriengäste.
Ab 1949 rollten sie wieder regelmäßig - die Sonderzüge, diesmal aus dem
Norden und aus dem Ruhrgebiet. Um das Geschäft zu optimieren, hatte sich
Degener im Oktober 1948 Unterstützung geholt, das Deutsche Reisebüro
(DER), das Amtliche Bayerische Reisebüro (ABR) und Hapag-Lloyd. Zusammen
gründeten sie eine Arbeitsgemeinschaft, um "für alle Bevölkerungsschichten
preiswerte Erholungsreisen auf breiter Basis zu schaffen". 1951 entstand
daraus das Reiseunternehmen Touropa - geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Carl Degener.
Unser erster Kurdirektor
Es waren vor allem junge Leute, die kamen, und darunter viele Mädchen,
erinnert sich Alf Gall, der Volksschullehrer war und sich als
Sonderzugbegleiter ein Zubrot verdiente. Später stieg er zum Kurdirektor
auf. Es ging zu wie in der Lotterie damals: Keiner der Urlauber wusste, wo
er wohnen sollte. Im Zug erst wurden die Quartiere zugeteilt. Das größte
Problem: Es gab kaum Einzelzimmer, und die Betten waren verstreut über die
ganze Gemeinde mit ihren Außenbezirken. Pech für die unverheirateten
Pärchen. Die wollten natürlich am liebsten Tür an Tür die Ferien
verbringen. Ein Doppelzimmer war unschicklich und ausgeschlossen in den
prüden Nachkriegsjahren. Dennoch lockte man mit dem unsittlichen Ansinnen.
Kilometer getrennt oder doch vielleicht zusammen? Die Dame errötete, der
Herr wurde verlegen, erinnert sich Alf Gall. "Aber wir waren kaum im
nächsten Wagen, schon kam der junge Mann und willigte ein", und die
Zugbegleiter freuten sich, wieder ein Problem gelöst zu haben.
Im Kurhaus, schon vor dem Krieg zu einem stattlichen Bau erweitert,
tobte das touristische Leben der frühen Tage. Hier traf man sich zu den
Mahlzeiten und bezahlte mit Gutscheinen, die bald zu einer zweiten Währung
in Ruhpolding wurden. Auch der Kaufmann, der Friseur nahmen sie an. Und
abends ging's dann rund. Das Kurhaus avancierte zum größten
Anziehungspunkt in Südostbayern. Mal Heimatabend und mal Hazy Osterwald.
Max Greger startete hier seine Karriere. Noch gab es kaum Fernseher, und
die Urlauber waren selig, Vico Torriani auf der Bühne zu sehen. Stimmung
rund um die Uhr: "Was heute Ibiza ist, war damals Ruhpolding." Von überall
strömten auch die Burschen herbei, hatte es sich doch bald
herumgesprochen, dass in Ruhpolding allzeit viele junge Mädchen zu treffen
waren. Schon 1951 sorgte sich der Verkehrsverein ums Image: "Der
Hauptfeind ... ist der Lärm und das Benehmen der einheimischen Burschen
gegenüber den weibl. Sommergästen."
Der Zeller Sepp
Der Ruf des Ortes wurde legendär, zumal Degener seine Ruhpoldinger
Trachtler bereits 1952 auf PR-Tour in den Norden schickte. Ruhpolding war
bald wieder, wie zu Vorkriegszeiten, "Zielort der meistverkauften
Gesellschaftsreise". Auch tagsüber war für Unterhaltung gesorgt: Ausflüge,
geführte Spaziergänge, Bergtouren. Voran der Zeller Sepp, Urviech, Saubär,
Animateur. Er riss die Leute hin mit seinem hinterfotzigen Charme. So
liebte man den Bayern, g'schert und trinkfest, in Lederhosen und mit
Trachtenhut. "Die Mädchen, denen er zum Abschied kein Bussl gegeben hat",
denkt Alf Gall zurück, "haben geheult."
Und Ruhpolding wurde hineingezogen in den immer stärker werdenen
Strudel des Massentourimsus. Mitte der fünfziger Jahre lagen die
Übernachtungszahlen bei 600 000, fast drei Viertel davon dank Gästen, die
mit Touropa angerollt kamen. Ein Bauboom, wie es ihn seit den dreißiger
Jahren nicht mehr gegeben hatte, brach an. Nicht nur im Sommer, auch im
Winter wollte man Geschäfte machen. Eine Seilbahn musste her. 1953 wurde
sie in einem halben Jahr auf den Rauschberg gesetzt. Nun boomte auch der
Winter. 1955 wurde die Bahnlinie elektrifiziert. 1958 richtete man die
ersten Tennisplätze ein. Die Spirale der Investitionen drehte sich immer
weiter. 1965 lagen die Übernachtungszahlen bei über 800 000. Ruhpolding
pries sich als die Nummer eins unter den oberbayerischen Ferienzielen.
1967 schrieb die ZEIT: "Für viele hunderttausend Bundesbürger ist
Ruhpolding zugleich der Inbegriff Bayerns geworden, versinnbildlicht
Almenrausch und Edelweiß, Schuhplattler und Sepplhose."
Das erste Wellenbad in den Alpen
Und wieder wurde ein sündteures Großprojekt in Angriff genommen: 1970
eröffnete das erste Wellenbad des Alpenraums. Die Zahl der Übernachtungen
wuchs noch einmal, der Schuldenberg auch. Aber von den damals fast 7000
Betten standen mehr als die Hälfte in Zimmern mit fließend warm und kalt
Wasser..
Und Dr. Degeners Touropa florierte. Degener wollte Urlaub vom ersten
Tag an, so fuhr man über Nacht. Versuchsweise auch schon mal in
Hängematten. Dann kreierte die Touropa den Liegewagen, die Bundesbahn
baute nur die Waggons. 1956 war Touropa Westdeutschlands größtes
Gesellschaftsreiseunternehmen. Degener hatte Recht gehabt mit seiner
Prophezeiung aus dem Jahr 1949: "Die Deutschen werden reisen wie noch nie,
wenn sie erst wieder satt zu essen haben."
Im Jahr 1981 erreichte Ruhpolding den ersten Zenit: mehr als eine
Million Übernachtungen. Aber die Touropa-Zahlen, früher gesondert in der
Statistik geführt, wurden da schon gar nicht mehr notiert. Die Leute
fuhren mit dem eigenen Auto in Urlaub, die Sonderzüge hatten ausgedient.
Im Dezember 1960 war Ruhpoldings Ehrenbürger Degener gestorben. 1968
ging die Touropa im Großkonzern TUI auf, 1990 verschwand der Name ganz.
Aber längst hatte sich Ruhpolding dem Tourismus ausgeliefert. 1991 feierte
es noch einmal Rekord: 1 122 732 Übernachtungen. Die Ostdeutschen erlagen
dem Mythos, entsannen sich des Vorkriegstraums ihrer Eltern.
Sieben Jahre später sind es nur noch rund 900 000 Übernachtungen. Das
ist nicht genug. Die perfekte Infrastruktur muss genutzt werden. Das
Kurhaus steht heute noch, 1994 für 4,3 Millionen Mark saniert und trotz
seiner Größe nicht einmal hässlich. Längst wird es umgeben von einem
weitläufigen, gepflegten Kurpark. Der Fischteich mit der Fontäne, die
Musikmuschel versprühen den Charme der sechziger Jahre.
Selbst den Maibaum zieren die Symbole des frühen Tourismus
Trachtenvereine
An einem strahlenden Sommertag ist die Terrasse des Kurhauses mit Blick
auf den Rauschberg voll besetzt. Die jungen Mädchen machen
sich rar, ältere Paare haben Platz genommen, Radler halten Rast. Jeden
Freitagabend ist der große Saal des Kurhauses Schauplatz der
Heimatabende. D'Rauschberger und D'Miesenbacher wechseln sich ab,
Traditionsgruppen. Ruhpolding hat sich über die Jahrzehnte des Aufschwungs
Mühe gegeben, nicht völlig zum Oberbayernklischee zu verkitschen. Kein
Fingerhakeln, kein Watschentanz und kein Kuhglockenkonzert, dafür ein
Hauch von Authentizität bei Schuhplatteln, Blasmusik, Harfenspiel und
Dreigesang. Das Publikum sitzt still wie bei einem Sinfoniekonzert, kein
Grölen und Maßkrugstemmen. Aber es springt auch keiner mehr von der Bühne
in den Saal, um sich seine Auserwählte zum Tanz zu holen, wie es früher
einmal war.
Ruhpoldings Ortsbild hat die Karriere erstaunlich gut überstanden.
Vielleicht auch, weil sich nie der Betreiber für ein Großhotel gefunden
hat. Der Pseudo-Alpenlook hält sich in Grenzen. Es ist ringsum gemütlich,
gepflegt, aufgeräumt und ein klein bisschen spießig.
In der Kabine der Rauschbergbahn liegen die riesenlangen Säcke, in
denen die Drachenflieger ihr Sportgerät verstaut haben. Oben in 1672 Meter
Höhe tut sich ein Panorama der Spitzenklasse auf: Zugspitze, Kampenwand,
Großglockner, Watzmann ... Wege führen zurück ins Tal. Am Nachmittag
schweben die Drachenflieger ein, landen direkt neben Abschlag eins des
Neun-Loch-Golfplatzes.
Zu jeder halben Stunde schlagen noch immer die Wellen hoch im teuer
sanierten Hallenbad, zu dem längst ein großes Freibad gekommen ist. In der
Eissporthalle wird Inline-Skating angeboten, das Wegenetz verläuft sich
über 250 Kilometer. Ausflüge führen an den Chiemsee, nach Salzburg und
München; sogar eine eintägige Tour nach Venedig wurde damals schon
angeboten.
Ein Drittel der Gäste kommt im Winter. Heute dient man sich den
Langläufern an. Vorausschauend hat sich Ruhpolding allerdings seinen allwinterlichen Platz in den Medien gesichert: Schon in den siebziger
Jahren entstand das Biathlon-Leistungszentrum. Bald nach dem
Holzknechtmuseum, das an den früheren harten Broterwerb der Ruhpoldinger
erinnert, liegen das vor kurzem neu ausgebaute Stadion und die
Schießstände. Immer im Januar ist der Weltcup und Ruhpolding wieder
im Fernsehen.
Die Symbole des Tourismus zieren selbst den Maibaum am Dorfbrunnen:
eine Lokomotive mit Hapag-Lloyd-Schriftzug, ein Bus mit dem Signet "Dr.
Degener". Nur im Heimatmuseum fehlt noch die Abteilung Fremdenverkehr.
Verloren steht die Büste des Erfinders auf einem samtblauen Podest vor dem
Eingang. Ein Zettel mit Schreibmaschine getippt: Dr. Degener. Mehr nicht.
Geehrt wird der Mann, mit dem der Aufschwung begann, an der Weißen Traun.
Ein langer lauschiger Spazierweg trägt seinen Namen.
Auf einem Hügel thront die barocke Pfarrkirche St. Georg, ein weit zu
sehender Orientierungspunkt. Etwas unterhalb liegt der neue Friedhof. Dort
ist Dr. Carl Degener bestattet. In der gleichen Reihe die Grabstätte der
Familie Corsten: Spross Ralf Corsten ist Vorsitzender des Vorstands der
Hapag Touristik Union, eines der größten Reisekonzerne der Welt, an dessen
Ursprüngen einmal Dr. Degener und sein Ruhpolding standen.
von : Monika Putschögl (Auszug)
Quelle : die Zeit 1999
(c) DIE ZEIT 1999